Weißer Spargel auf einer weißen Serviette
picture alliance / Westend61 / Kai Schwabe
Bild: picture alliance / Westend61 / Kai Schwabe Download (mp3, 3 MB)

100 Sekunden Leben - Spargel und Servietten

Offiziell wird die neue Spargelsaison erst kommenden Donnerstag in Beelitz angestochen. Aber erste Stangen des heimischen Edelgemüses liegen schon in den Läden und bei den Spargelhöfen aus. Unserem Kolumnisten Thomas Hollmann macht das allerdings nur wenig Appetit.

Wenn ich an Spargel denke, denke ich an Stoffservietten. Die gab es bei uns früher immer zum Spargel. Gefaltete, gestärkte Stoffservietten. Die waren noch weißer als der Spargel. Und wehe, man machte die schmutzig. Nein, Spaß hatte ich als Kind keinen – beim Spargelessen.

Okay, Traumata sind dazu da, um überwundern zu werden. Und inzwischen esse ich die Stangen beinahe so beiläufig wie Möhren. Beinahe. Etwas zwanghaft-vornehm schmeckt mir der Spargel dann doch noch.

Dabei besteht der zu 93 Prozent aus Wasser und hat einen Nährwert von nahezu null. Und trotzdem umgibt das Gemüse die Aura des Königlichen. Wahrscheinlich genau deshalb: weil es so überflüssig ist.

Wäre der Spargel zumindest noch hübsch. Aber stattdessen ist er blässlich und schmalschulterig und ohne jeden Körper. Kein Vergleich zum prall-runden Apfel oder dem alle Dimensionen sprengenden Kürbis. Selbst die Möhre ist oben dicker als unten. Aber der Spargel ist einfach nur eine schnöde Stange.

Längs der B 246 sind solche überdimensionierten Stangen aufgestellt, um die B 246 als Beelitzer Spargelstraße ausweisen. Dabei kommt der Spargel ganz woanders her. Die Römer brachten den Asparago seinerzeit mit über die Alpen. Aber wir glauben, die Gemüse-Etikette an den Tisch gebracht zu haben. Das ist ein klassischer Fall von kulinarischer Aneignung, das deutsche Spargeltum.

Aber warum rege ich mich auf? Am 24. Juni ist die Saison schon wieder vorbei. Denn: Ist die Kirsche rot, ist der Spargel tot. Wissen die Bauern schon seit jeher. Und ich weiß: Kirschen schmecken besser ohne Stoffserviette – und ohne Sauce Hollandaise.

Auch auf rbb24inforadio.de

100 Sekunden Leben
rbb

100 Sekunden Leben

Doris Anselm, Thomas Hollmann, Wlada Kolosowa, Sebastian Schiller, Hendrik Schröder und Ebru Taşdemir betrachten mit einem schrägen Seitenblick Phänomene aus ihrem analogen und virtuellen Leben.