Strand von Wangerooge beim Sonnenuntergang
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100 Sekunden Leben - Berlin-Therapie in der Nordsee

Die Nordseeinsel Wangerooge sucht einen Bürgermeister. Der Gemeinderat hat eine entsprechende Anzeige geschaltet. Und unser Berlin-geplagter Kolumnist Thomas Hollmann überlegt, sich für den Job zu bewerben.

Ich habe gleich bei Wikipedia nachgeguckt. Auf Wanger-ooge, wie es richtig heißt, weil "Wanga" die altgermanische Wiese ist und "Oog" die Insel auf Friesisch. Auf Wangerooge gibt es jedenfalls weder Spannbetonbrücken noch S- und U- und Autobahnen, die kaputt gehen oder ausfallen könnten. Wenn das nicht der perfekte Ort ist, um mich von Berlin zu therapieren?

Ich sage nur: Thalasso. Da stellt man sich ans Meer und atmet tief ein und aus. Machen Sie das mal in Berlin, vor die Tür treten und beglückt inhalieren. Da ruft der Nachbar gleich in der Psychiatrie an.

Ebbe und Flut werden mich richtig entschleunigen, da bin ich mir sicher. Dieses ruhige Hin und Her und zu wissen, das Meer kommt wieder - und muss nicht abgerissen werden. Diese Sicherheit wird mir guttun.

Okay, meine Verwaltungs-Fachkenntnisse sind eher rudimentärer Natur. Aber wenn in Berlin untalentierte Bildhauer auf Quereinsteiger machen und Kunstlehrer werden dürfen, dann sollte mir ein Bürgermeisteramt in der Nordsee nicht verwehrt bleiben, meine ich. Zumal ich gerne in der Öffentlichkeit rede und dabei den Eindruck erwecke, Wichtiges zu erzählen.

Bleibt das Problem meiner Herkunft. Könnten die Wangerooger Gemeinderatsmitglieder doch befürchten, sich mit mir einen Berliner Problembären auf die Insel zu holen, der irgendwann patzig und motzig wird. Das dürfte die größte Hürde sein in dem Bewerbungsgespräch, mich als Menschenfreund darzustellen, der ein funktionierendes Gemeinwesen für möglich hält - und nicht für einen absurden Witz.

Aber Kai Wegner hat das gleiche Problem, wenn er sich bewirbt. Wovon ich ausgehe. Wirkt der Mann bisweilen doch noch berlin-müder als ich. Aber das Bürgermeister-Amt mit ihm teilen werde ich nicht. Das funktioniert einfach nicht, eine Thalasso-Therapie zusammen mit Kai Wegner.

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Doris Anselm, Thomas Hollmann, Wlada Kolosowa, Sebastian Schiller, Hendrik Schröder und Ebru Taşdemir betrachten mit einem schrägen Seitenblick Phänomene aus ihrem analogen und virtuellen Leben.