100 Sekunden Leben - Es besteht der Bedarf erhöhter Verständlichkeit
Die meisten Deutschen sind zweisprachig! Auf diese Theorie ist jedenfalls unsere Kolumnistin Doris Anselm verfallen. Demnach ist die zweite Sprache, die man beherrschen muss, um bei uns zurecht zu kommen, eine Art "Bullshit-Deutsch".
Wussten Sie, dass Sie wahrscheinlich eine Fremdsprache sprechen, die nicht in Ihrem Lebenslauf steht? Wer in Deutschland aufwächst, lernt diese Sprache meist so um die Volljährigkeit herum. Ihre Vokabeln kommen in keinem normalen Gespräch auf Deutsch vor. Oder haben Sie schonmal zur Sprechstundenhilfe gesagt: "Hallo! Es ist erforderlich, dass die Ausstellung eines neuen Rezeptes erfolgt"? Ich nicht.
Neulich verbrachte ich ein paar Tage mit einem Freund, der kein deutscher Muttersprachler ist. Sein Deutsch ist super, und trotzdem kommt er nicht mehr klar, sobald ihn eine deutsche Firma oder Organisation anspricht, per Brief, Durchsage oder Aushang.
Ich sollte ihm erklären, was der Unterschied zwischen einem Antrag und einer Antragstellung sei, und warum der Ersatzverkehr nicht einfach „ist“, sondern „besteht“. Weshalb irgendwer das schöne klare Wort "müssen" links liegen lässt und stattdessen ein Verhalten als "erforderlich" bezeichnet.
Wenn man da zu lange drüber nachdenkt, wird man Philosoph oder Faschist. Beides klassische deutsche Karrierewege. Kein Wunder. Wozu bitte, brauchen wir ein Wort wie "uneingeschränkt"? Was mich so ärgert, ist nicht mal, dass dieses Bullshit-Deutsch oft beschönigt und verdreht. Die vielen kleinen Extra-Vokabeln sind Stöckchen, die wir unnötig jedem zwischen die Beine werfen, der hier neu zurechtkommen will.
Inzwischen gibt es die so genannte "einfache Sprache" und auch noch die "leichte Sprache", und dafür wieder ganze Kommissionen und Gremien. Dabei würde es oft reichen, geradeaus zu reden. Was ich damit sagen will: Es besteht der Bedarf, unverzüglich einen abschlagsfreien Umstieg auf eine Ausdrucksweise mit erhöhter Verständlichkeit vorzunehmen.