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Nach 30 Jahren Wiedervereinigung sind die Deutschen noch immer nicht eins. Da sind sich Grünen-Politiker Jürgen Trittin und Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, einig. Im Gespräch mit Redakteurin Jana Ebert diskutieren sie über die Auswirkungen der Wiedervereinigung und darüber, dass Deutschland gar nicht eins sein muss.
Seit 30 Jahren sind Ost- und Westdeutschland wieder miteinander vereint. Doch der Prozess der Angleichung fange gerade erst an, sagt Thomas Oberender, Buchautor von "Empowerment Ost" und Intendant der Berliner Festspiele.
Grünen-Politiker Jürgen Trittin ist ähnlicher Meinung: "Ich glaube darüber muss man reden, denn es exzitieren natürlich Brüche fort." Die Vereinigung sei eine Übernahme einer Gesellschaft durch eine andere Gesellschaft, fasst er es zusammen. Er kritisiert: Noch immer sei es eine Sensation, wenn wichtige Führungsrollen mit Menschen mit ostdeutschem Ursprung besetzt würden. Es gebe hier eine dramatische Unterrepräsentanz von Ostdeutschen.
Unterschied in der kollektiven Erinnerung
Die westdeutsche Übernahme sei vor allem auch in der Wirtschaft deutlich zu sehen, sagt Trittin. Denn die ostdeutsche Industrie sei weitgehend aus dem Mark gedrängt worden. Produktionen seien von westdeutschen Unternehmen übernommen worden – "auch um den Preis einer tiefen Arbeitslosigkeit für Menschen (in Ostdeutschland)", so der Grünen-Politiker. Viele Westdeutsche hingegen hätten wie gewohnt weiterleben können: "Das hat einen Unterschied auch in der kollektiven Erinnerung ausgelöst."
Ostdeutschland werde "als Entwicklungsgebiet betrachtet, das die Zähne zusammenbeißen muss, das die Spielregeln lernen muss", kritisiert Intendant Oberender. "Dieses Nachholen und sich daran orientieren, was andere schon geschafft haben, blendet völlig aus, dass es eine eigene Geschichte, mit einem eigenen Selbstbewusstsein, eigenen Erfolgen (…) gibt", sagt er. Das müsste sich aber auch politisch und strukturell in einer gemeinsamen Linie niederschlagen.
Dass jeder nun verschiedene Erfahrungen und Perspektiven mitbringe sei kein Anlass zur Sorge, sagt Trittin. "Man kann voneinander lernen", betont er. Und das finde bereits statt – auch im Alltag. Es werde ein Bewusstsein entwickelt, dass die Unterschiede in der Gesellschaft nicht mehr als normal angesehen würden, sondern ein Ergebnis von Machtpolitik seien, sagt Oberender. Dieses Bewusstsein wachse auch zunehmend in Westdeutschland.
Die DDR - immer nur eine Erfahrung des Scheiterns?
Solange aber die DDR als eine Erfahrung des Scheiterns betrachtet werde, würden Bewegungen wie Pediga weiterhin Zuwachs erfahren, sagt Oberender. "Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, dann brauchen Sie jetzt nicht die 'Sorgen der Menschen im Osten ernstnehmen'", sagt er. Denn auch das unterstütze das Überlegenheitsgefühl der Westdeutschen gegenüber den Ostdeutschen, sagt er.
"Wir müssen nicht zusammenwachsen, sondern wir müssen zusammen wachsen", betont Oberender. "Man muss nicht eins sein, man muss verschieden und stark sein."