Menschen stehen in einer langen Schlange vor einem Berliner Eisladen
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100 Sekunden Leben - Warten nervt

Warten nervt. Da sind sich alle einig. Jetzt aber warten immer mehr Menschen freiwillig. So beobachtet es zumindest unser Kolumnist Hendrik Schröder.

Haben Sie das auch beobachtet in letzter Zeit, dass die Menschen in Berlin wieder Schlange stehen? Also ich meine jetzt nicht vor der Sicherheitskontrolle beim BER zu Ferienzeiten. Da muss man ja und hat quasi keine Wahl. Nein, ich meine Gelegenheiten, wo die Leute das offenbar gerne machen und freiwillig. Letztes Wochenende erst mehrmals beobachtet.

Vor einem winzigen Kellerladen zum Beispiel. Eine Schlange von ungelogen mehreren hundert Metern, fast nur junge Frauen unter 20. Stehen da, stundenlang. Warum, frage ich zwei die mit Tüten in der Hand aus dem Lädchen rauskommen. Sonderklamottenverkauf einer Influencerin sagen sie. Habe sich aber nicht gelohnt, meinen sie lachend, nur Schrott. Sagt das mal denen, die dahinten am Horizont noch voller Vorfreude warten, denke ich.

Und es sind nicht nur die jungen, social media getriggerten Kids mit ihrer Fomo, „fear of missing out“ heißt das, Angst was zu verpassen. Kommt eigentlich aus dem Börsendeutsch. Nein, es sind auch die älteren, gesetzteren, die anscheinend unbedingt auf etwas warten müssen, um Wertigkeit zu verspüren. Denn vor dem mega spezial super bio oh lala Eisladen: Schlange. Als könnte ein Truheneis vom Späti nebenan ernsthafte Verletzungen hervorrufen. Und vor dem angeblich so unfassbar leckeren Kiez Bäcker mit dem ganz besonderen 400 Saaten handgepusteten Roggendinkelvollkornspackofatzbrot: Schlange. Weil ein normales Vollkornbrot, wie es es an jeder Ecke gibt, schon lange nicht mehr reicht. Schon lange nicht mehr.

Und schließlich der ultimativ abgeschossene Schlangen Vogel am Sonntagmorgen um 10 Uhr bei drei Grad in der Kreuzberger Bergmannstraße vor einem Frühstückscafé: Schlange. Da stehen Paare und Familien und warten - auf dieses eine, offenbar ewiges Leben, Reichtum und Weisheit verheißende Frühstück. Obwohl im Radius von 300 Metern mindestens vier andere Cafés offen sind.

Was ist das? Sind die so gestopft, dass die nur noch was spüren, wenn man was nicht einfach so kaufen, konsumieren oder aufessen kann, sondern sich das verdienen, sich das erstehen und erwartezeiten muss? Das ist doch verrückt.

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100 Sekunden Leben

Doris Anselm, Thomas Hollmann, Wlada Kolosowa, Sebastian Schiller, Hendrik Schröder und Ebru Taşdemir betrachten mit einem schrägen Seitenblick Phänomene aus ihrem analogen und virtuellen Leben.